Bio­di­ver­si­tät geht uns al­le an

Der Klimawandel schreitet voran, die Biodiversität steht weltweit unter Druck. Vielen Menschen ist bewusst, dass Handeln dringend notwendig ist. Dennoch geht es nur langsam voran. Woran liegt das? Versuch einer Auslegeordnung. 

Publikationsdatum
18-05-2026

Klimakrise und Biodiversitätskrise gehören seit einiger Zeit zum allgemeinen Vokabular. Nicht nur Natur- und Umweltorganisationen machen davon Gebrauch. Wer die Entwicklungen nüchtern betrachtet, stellt fest: Beim Schutz des Klimas und der Biodiversität geht es tatsächlich nur langsam vorwärts.

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Dies zeigte sich jüngst auch etwa in Kommentaren zum Länderbericht der Schweiz zur biologischen Vielfalt und im Bericht des Forums Biodiversität der Akademie der Naturwissenschaften. Ganz offensichtlich sind wir weit davon entfernt, die gesteckten Ziele auch nur annährend zu erreichen. Daraus ergibt sich, dass in erster Linie die Politik dieser wichtigen Themenbereiche in der Krise steckt. 

Zwei Konventionen am Erdgipfel von Rio

Die internationale Politik hat die Herausforderungen der Klimaerwärmung und des Verlusts der Biodiversität bereits vor mehr als 30 Jahren erkannt. 1992, am Erdgipfel in Rio de Janeiro, verabschiedete die internationale Staatengemeinschaft zwei völkerrechtlich verbindliche Konventionen: die Klima-Rahmenkonvention (United Nations Framework Convention on Climate Change) und die Konvention über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity). 

Eine weitere Konvention über den Schutz der Wälder scheiterte hingegen. Immerhin gelang es jedoch, Leitsätze für die Bewirtschaftung und Erhaltung der Wälder im Rahmen einer Grundsatzerklärung zu vereinbaren – jedoch ohne Verbindlichkeit für die Länder, wie es eine Konvention beinhaltet hätte.

Kein Schutz für Böden und Wälder 

Wolfgang Haber, der die Disziplin der Ökologie in Deutschland massgeblich prägte und vor wenigen Monaten hundert Jahre alt wurde, war als Vorsitzender des Sachverständigenrats für Umweltfragen an den fachlichen Vorbereitungen der Rio-Konferenz beteiligt. 

In einem später publizierten Artikel erinnert er sich an eine Diskussion zur Frage, was die wirklich grossen Probleme seien. Der Schutz der Böden und Wälder, meinten viele Fachleute. 

Dass gerade in diesen beiden Bereichen keine Konvention erzielt wurde, jedoch zum Klima und zur Biodiversität, erklärte sich Haber im Nachhinein damit, dass Konventionen zu Boden und Wald die Vertragsstaaten zu harten Massnahmen gezwungen hätten, während ihnen Klima und Biodiversität als abstrakte Themen möglicherweise als ausleg- und verhandelbar erschienen.1 Das war 2004, also vor mehr als 20 Jahren. Scheint, als hätte Haber gespürt, dass die Umsetzung der Ziele anspruchsvoll werden würde.

Langwierige Umsetzung

Auf den Erdgipfel in Rio folgten zahlreiche Vertragsstaatenkonferenzen, sogenannte Conferences of the Parties (COP). Es gab Fortschritte, wenn es auch oft kleine, bescheidene Schritte waren. 

Mit dem Pariser Klimaabkommen keimte 2015 neue Hoffnung auf. Zehn Jahre später haben die USA nun aber definitiv den Rückwärtsgang eingelegt. Was die Kollateralschäden und Folgen für die internationale Klimapolitik sind, wird sich zeigen.

Ambitionierte Ziele bei der Biodiversität

Beim Schutz und der Förderung der Biodiversität einigten sich die Länder in den vergangenen 15 Jahren auf durchaus ambitionierte Ziele. Im Rahmen der 2010 vereinbarten Aichi-Ziele sollten bis 2020 mindestens 17 % der Landesfläche als Schutzgebiete ausgewiesen werden. 

Das Ziel wurde nur teilweise erreicht. Offiziellen Angaben zufolge betrug der Anteil in der Schweiz 2022 beispielsweise 13.4 %. Im selben Jahr einigten sich die Länder in Montreal auf neue Ziele. 

Demnach sollen bis 2030 weltweit mindestens 30 % der Land- und Meeresflächen für die Biodiversität gesichert werden – entweder durch Schutzgebiete oder Erhaltungsmassnahmen und Bewirtschaftungsformen, die dem Schutz der Biodiversität Rechnung tragen. Diese neue Zahl ist nicht direkt vergleichbar mit den 17 %, denen ein strengerer Schutz zugrunde liegt.

Die Krux mit dem Begriff der Biodiversität

Es zeigt sich immer mehr, dass der Begriff «Biodiversität» kein einfacher ist. Erfunden in den 1980er-Jahren, also nur wenige Jahre vor der Konferenz in Rio de Janeiro, machte er eine unglaubliche Karriere. Die Kehrseite der Popularität ist, dass Biodiversität häufig unspezifisch und inflationär verwendet wird. 

Der Geoökologe Carl Beierkuhnlein brachte es vor mehr als 20 Jahren auf den Punkt: «Einerseits hat der Begriff Biodiversität rasche Verbreitung gefunden, was auf einen gewissen Konsens zum Begriffsgehalt hinweisen mag, andererseits hat seine mangelhafte Eindeutigkeit den Begriff verwässert und teilweise zum umweltpolitischen Schlagwort verkommen lassen.»2

Die Grundlage des Lebens

Immer wieder liest man, die Biodiversität sei die Grundlage für das Leben oder sogar «die zentrale Lebensgrundlage für den Menschen», zum Beispiel auf der Webseite des Bundesamtes für Umwelt (abgerufen am 24. Februar 2026). Was will damit gesagt werden? Ist das ein moralischer Appell? Geht es um spezifische Interessen? Oder geht es um das Überleben der Menschheit? Sind dann aber nicht vielmehr intakte und funktionierende Ökosysteme gemeint? 

Auf intakte Ökosysteme sind wir Menschen in hohem Masse angewiesen. Die Biodiversität spielt hier selbstverständlich eine Rolle. Aber welche genau? Welche Arten sind für ein bestimmtes Ökosystem zentral? Welche Prozesse sind unabdingbar? Und sind seltene Arten, die oft im Fokus des Naturschutzes stehen, für das jeweilige System relevant oder nicht? 

Ökosysteme und seltene Arten

Eine spezifische Ausprägung eines Waldökosystems dient oft dem Überleben seltener Arten. So gedeihen in lichten Wäldern beispielsweise gefährdete Orchideenarten. Diese Wälder sind oft das Ergebnis ehemaliger Nutzungsformen. Will man diese spezifischen Bedingungen erhalten, sind oft Pflegeingriffe nötig. Davon profitieren in erster Linie licht- und wärmebedürftige Arten. Für das Ökosystem Wald an und für sich sind diese Eingriffe jedoch nicht nötig. Sich für seltene Arten einzusetzen, ist völlig in Ordnung. Aber dann soll man das als Motivation auch offenlegen. 

Zu diesem Spannungsfeld präsentierte Wolfgang Haber im Rahmen der Rundgespräche der Kommission für Ökologie eine aufschlussreiche Analyse über Naturschutz, Biodiversität und menschliche Lebensgrundlagen.3

Biodiversität und Ökosystemleistungen

Könnte es also klug sein, etwas weniger über Biodiversität zu reden, dafür aber mehr über intakte Ökosysteme? Möglicherweise findet diesbezüglich gerade eine Verschiebung statt. So trägt das Nationale Forschungsprogramm 82 den Titel «Biodiversität und Ökosystemleistungen»

Man hätte die Reihenfolge der beiden Begriffe auch umdrehen können. Das ist weiter aber nicht bedeutsam, solange das Forschungsprogramm substanzielle Beiträge über die Zusammenhänge und Wechselwirkungen von Biodiversität und Ökosystemleistungen hervorbringt. 

Neue UN-Dekade

Ein anderes Beispiel sind die UN-Dekaden. 2011 bis 2020 war die UN-Dekade der Biodiversität. Seit 2021 läuft nun die UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen.

Während Aktivitäten rund um Biodiversität bei Landnutzenden und Produzierenden nicht selten Abwehrreflexe auslösen, verstehen diese womöglich besser, dass funktionierende Ökosysteme unerlässlich sind. 

Denn Ökosysteme sind die Grundlage ihres Wirtschaftens, sofern man nicht auf rein technische Produktionssysteme setzt. Wobei die Natur zweifellos auch einen Eigenwert hat, unabhängig von jeder Nützlichkeit für den Menschen. 

Bewusster Umgang mit natürlichen Ressourcen

Überlässt eine Gesellschaft Flächen ganz bewusst der natürlichen Entwicklung, wie es beispielsweise in der Kernzone eines Nationalparks der Fall ist, so ist dies womöglich ein Zeichen dafür, dass die Menschen generell auch bewusster mit ihren Lebensgrundlagen umgehen. Seit der Gründung des Schweizerischen Nationalparks 1914 sind in jüngerer Zeit jedoch lediglich zwei Naturerlebnispärke mit Kernzonen gegründet worden: der Wildnispark Sihlwald bei Zürich und der Parc naturel du Jorat bei Lausanne. Weitere Nationalparkprojekte wie der Parc Adula oder der Parco nazionale del Locarnese scheiterten hingegen in den Abstimmungen in den involvierten Gemeinden. 

Doch wie viel Fläche sollte der natürlichen Entwicklung überlassen werden? Oft ist die Rede von 10 %. Um weitere spezifische Naturschutzziele zu erreichen, werden womöglich noch einmal 10 % benötigt. Noch weiter gefasst sind die neuen internationalen Ziele mit 30 % der Landesfläche, die bis 2030 für die Biodiversität zu sichern sind. Entscheidend ist, was genau dazuzählt: Gelten strenge Schutzanforderungen, so ist dieses Ziel sehr ehrgeizig. Meint man hingegen intakte Ökosysteme, so wären 30 % viel zu wenig.

Schützen und Nutzen – eine Gratwanderung

Nachhaltigkeit umfasst drei Pfeiler: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Grundsätzlich sind alle drei Pfeiler gleich wichtig. Mit gutem Grund, denn Ökonomie und Soziales sind für eine Gesellschaft und das Zusammenleben zentral. Doch die Ökologie respektive intakte Ökosysteme bilden die unverzichtbare Grundlage. 

Ökologische Gesetzmässigkeiten zu missachten, bleibt nicht ohne Folgen. Der bekannte deutsche Naturschützer Michael Succow hat es treffend formuliert: «Lassen wir die Natur unverändert, können wir nicht existieren; zerstören wir sie, gehen wir zugrunde. Der Gratweg zwischen Verändern und Zerstören kann nur einer Gesellschaft gelingen, die sich mit ihrem Wirtschaften in den Naturhaushalt einfügt und die sich in ihrer Ethik als Teil der Natur empfindet.»4

Alle an Bord holen

Herausfordernd kommt hinzu, dass man sich beim Schutz und der Förderung der Biodiversität zwangsläufig in sehr viele Bereiche einmischt. Um nachhaltige Erfolge zu erzielen, sind darum möglichst viele Akteure ins Boot zu holen. Dafür braucht es nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern vor allem auch vermittelnde und glaubwürdige Persönlichkeiten.

Friedrich Dürrenmatt hat in den 21 Punkten zu den «Physikern» festgehalten: «Was alle angeht, können nur alle lösen. Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.» Das gilt nicht nur für den Naturschutz, sondern genauso für die Landbewirtschaftung: Wie wir unser Land und unsere Böden nutzen, geht uns alle an. Den beteiligten Akteuren wird das periodisch immer wieder in Erinnerung gerufen, wenn das Stimmvolk an die Urne gerufen wird.

Anmerkungen:

1 Wolfgang Haber, Über den Umgang mit Biodiversität. Ber. ANL 28, S. 25-43, 2004. 

2 Carl Beierkuhnlein, Der Begriff Biodiversität. Nova Acta Leopoldina NF 87, Nr. 328, S. 51-71, 2003.

3 Wolfgang Haber, Entwicklungen des Naturschutzes und des Artenschutzes. Rundgespräche der Kommission für Ökologie, Bd. 44 «Wie viel Wissenschaft braucht der Naturschutz?», S. 117-136, 2016. 

4 Michael Succow und Lebrecht Jeschke, Mensch und Natur im 21. Jahrhundert. 13 Thesen, Nationalpark 139: 36-37, 2008.

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