Einst Ke­gel­bahn, jetzt Re­stau­rant

Das Aarauer Architekturbüro Schneider & Schneider schuf zusammen mit dem Zürcher Innenarchitekturbüro von Jasmin Grego und Stephanie Kühnle einen ­Ergänzungsbau für das Traditionsrestaurant Brücke in Niedergösgen. Die kluge Auseinandersetzung mit dem Bestand führte zu Räumen mit einer ganz eigenen Ausstrahlung.

Publikationsdatum
02-04-2025

Manchmal sind es die kleinen Projekte, die sich zu wahren Lieblingsstücken entwickeln. Ihnen wohnt eine besondere Bedeutung inne, da viel Herzblut und Leidenschaft in sie fliessen. Dass die Kunst auch in solch kleinformatigen, aber umso feineren Bauten liegen kann, demon­s­trieren Umbau und Erweiterung des Restaurants Brücke in Niedergösgen. 

Doch von Anfang an: Mit dem solothurnischen Niedergösgen assoziieren die meisten wohl nur das wenige Kilometer entfernte Kernkraftwerk. Doch der Ort hat mehr zu bieten. Auf der gegenüberliegenden Aareseite befindet sich mit dem Bally-Park ein Landschaftsgarten von nationaler Bedeutung; und auch Nieder­gös­gen selbst ist im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS) gelistet. Seit 1908 besteht hier, direkt am Kopf der Aarebrücke, das Restaurant Brücke. 

Seit vier Generationen als Familienbetrieb geführt, hat sich das Restaurant unter dem Wirtepaar Markus und Sarah Gfeller mit Koch Thomas Messerli in den letzten 15 Jahren Auszeichnungen und Anerkennung erkocht. Dieser Anspruch verpflichtet: 2019 beschlossen die Gfellers, ihre Gaststätte vor allem aus betrieblichen Gründen mit einem Anbau zu erweitern: Der bestehende Gastraum hatte nur beschränkten Sichtbezug zur Aare, der Hauptqualität des Standorts, und der Weg eines Gerichts von der Küche auf Strassen­niveau zur Terrasse im Garten war zu lang. 

Künftig sollte auch der Gastraum im Innern zur Aare hin und ebenerdig liegen.Die Bauherrschaft beauftragte also die Aarauer Schneider & Schneider Architekten zunächst mit einer Machbarkeitsstudie und schliesslich mit der Erweiterung. Neben dem neuen Gastraum auf Gartenniveau galt es dabei auch, den nordseitig gelegenen Annex zu inte­grieren. Hier hatten die Vorgänger des aktuellen Wirtepaars in den 1950er-Jahren zwei Kegelbahnen anbauen lassen. 

Zudem sollte sich der Neubau gemäss den Vorgaben des Ortsbildschutzes dem Bestand unterordnen. Denn als Auftakt zum Ortskern hin ist sowohl der Brückenkopf als auch die Achse mit den Bäumen wichtig. «Der Ergänzungsbau ist nicht als Solitär gedacht, sondern im Sinne einer Laube, als Vorbau», so Architekt Thomas Schneider. 

Unvorhersehbare Herausforderungen

Doch dann, im Februar 2020, erreichte die Coronapande­mie die Schweiz, und es begann eine schwierige Zeit für gastronomische Betriebe. Nach den ersten Verunsicherungen liefen die Planungen zunächst weiter, die Baubewilligung erfolgte im Oktober 2020. Zwei Monate später, im Dezember 2020, kam dann der zweite grosse Lockdown inklusive Schliessung aller Gastrobetriebe. 

Die Bauherrschaft befand sich in einem Dilemma: Einer­seits war die Zukunft des Betriebs unklar, andererseits war die Baubewilligung nur zwei Jahre gültig. Die Wirte trafen eine mutige Entscheidung und beschlossen, das Projekt allen Umständen zum Trotz umzusetzen.

Ihr Mut wurde belohnt: Heute ergänzt ein ­pavillonartiger Holzhybridbau mit Flachdach das bestehende Hauptgebäude an der Nordseite. Der neue Haupt­eingang befindet sich im Verbindungstrakt auf Gartenniveau, der rollstuhlgängige Zugang liegt auf der Rückseite des Baus zum Parkplatz hin. Der Anbau der 1950er-Jahre wurde mit wenigen Eingriffen angepasst: Ein Vordach schützt vor Regen, grössere Öffnungen führen Licht ins Innere, die Putzfassade erhielt einen schwarzgrünen Anstrich. 

Die speziellen Dimensionen der Kegelbahnen – schlauchartig eng – zwangen die Beteiligten, sich vertieft mit dem Raum und seinen Möglichkeiten sowie mit ihren eigenen Ansprüchen auseinanderzusetzen. So entstand ein kluges Konglomerat aus Alt und Neu, in dessen Innern sich die Grenzen verwischen, während im Aussenraum der  präzis-prägnante Holzpavillon den Neuanfang signalisiert. 

Drei Zonen, drei Qualitäten

Im Innern gliedert sich der Bau in drei Räume mit unterschiedlichen Volumen und Höhen, die vielfältige Aufenthaltsqualitäten bieten. «Zwei der drei Raumkammern ergaben sich aus der Auseinandersetzung mit dem Bestand, der überhöhte Speisesaal im Anbau aus dem Entwerfen in Schnittfiguren», erklärt Thomas Schneider. 

Bei der Gestaltung des neuen Gastraums kam schliesslich das Innenarchitekturbüro von Jasmin Grego und Stephanie Kühnle ins Spiel. Die beiden Büros arbeiten seit Längerem in verschiedenen Projekten zusammen und schätzen die Fachkenntnis und Herangehensweise des jeweils anderen. 

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Vom Entree aus gelangt man direkt in das zwei Stufen höher liegende «Sääli», ein kleines Bistro mit Platz für rund zehn Personen. Dunkle, im Lloyd-­Loom-Verfahren hergestellte Flechtmöbel – Klassiker aus den 1930er-Jahren – sorgen hier für Clubcharakter. 

Der mit Parkettboden ausgestattete anschliessende Gastraum auf Gartenniveau gliedert sich in zwei Bereiche: Der vordere, überhöhte Speisesaal für 50 Gäste bietet Raum für zwei Reihen Tische und Stühle – allesamt mit Ausblick. Im mittleren Bereich – einst Teil der Kegelbahn – sorgt eine rote Sitzbanknische für eine intime Atmosphäre. Die lose Möblierung ermöglicht eine flexible Nutzung für Restaurant- und Bankett­betrieb. Jasmin Grego wählte hier schwarze Holztische mit Mittelfuss und zurückhaltende, kompakte Sessel, die vom Schweizer Designer This Weber für das Label Very Wood entworfen wurden. 

Die Bezüge der «Bellevue»-Sessel sind zum grössten Teil aus grünem Samt, ein kleinerer Teil ist auch aus einem grünen Wollstoff, der mit kupfer­farbenen Akzenten meliert ist. Die Farbwahl resultiert aus dem allgemeinen Farb- und Materialkonzept des Innenausbaus. «Wichtig dabei war, dass sich alle Beteiligten damit identifizieren konnten. Für uns ist es Alltag, ohne Vorbehalte mit Farben zu arbeiten, für Bauherrschaften ist das meistens eine Herausforderung», erklärt Jasmin Grego. Schwarze Holzstühle von Horgenglarus – ein Entwurf von Werner Max Moser aus dem Jahr 1934 – komplettieren im mittleren Teil die Sitzgelegenheiten auf der langen Bank. 

Auch in den ehemaligen Kegelbahnen herrscht wieder Betrieb. Hier wird nun auf derselben Ebene wie der Gastraum und in einem für funktionale Restaurantküchen überraschend gestalteten Ambiente gekocht: Kacheln in Resedagrün schmücken Boden und Wände, den Raum zwischen Theke und Küche fassen quadratische Fliesen in Hellgrün, Dunkelgrün und Rot. 

Ein Baldachin über den Gästen

Wichtigstes Gestaltungselement ist jedoch kein Möbel, sondern ein Textil: Im oberen Bereich des hohen Gast­raums zieht sich ein Stoffbaldachin in weichen Wellen entlang der gesamten Fensterfront, der Rückwand und des mittleren Sitzbankbereichs – ein Raum im Raum, der für Geborgenheit sorgt. «Wir haben bewusst keinen farbigen Anstrich der Wände gewählt, da uns dies für den überhohen Raum als zu schwaches Gestaltungselement erschien», sagt Jasmin Grego. «Stattdessen haben wir uns für eine textile Lösung entschieden.» 

Stoff findet man nun da, wo man ihn nicht erwartet: über den Köpfen der Gäste. Einziger baulicher Aufwand war hier die Montage von Vorhangschienen. Praktischer Zusatznutzen: Dahinter konnte man die Lüftungselemente kaschieren und günstig gipsen. Die schallschluckende Qualität des Vorhangs stand zwar nicht im Vordergrund, da die primäre akustische Massnahme die Decke ist, aber das Textil verstärkt die Schalldämmung im hohen Raum zusätzlich. 

An der Länge des Vorhangs tüftelte Jasmin Grego: «Mir war wichtig, dass er eine minimale Überlänge hat», erklärt sie, «er ragt rund 10 cm in die Fensterfront hinein.» Die Überlänge ist entscheidend, um der textilen Raumkrone Autonomie und Eigenständigkeit zu verleihen. Sie überlagert die Architektur und lässt so eine neue Lesbarkeit zu.

Für das Design spannte Jasmin Grego mit der Zürcher Textildesignerin Sonnhild Kestler zusammen. Der Streifenrapport ist ausgeklügelt, die Farbpalette gedeckt. Drei Varianten kamen zum Einsatz: Im grossen Baldachin wirft der robuste, flammhemmende Stoff grosszügige Wellen, hinter der roten Sitzbank ist das Plissee enger und die Farbpalette um Gelb reduziert. 

Im Bistro schmückt das Streifenmotiv – um zwei weitere Farben reduziert – als textile Tapete die Wände oberhalb eines Täfers. Um die Bauherrschaft von dieser poetischen Idee zu überzeugen, bastelte Jasmin Grego aus alten Foulards von Sonnhild Kestler kleine Modelle. 

Gedruckt wurde der Stoff in Italien, was zwei Tage vor der Eröffnung des Restaurants für Stress sorgte – und zeigte, mit welcher Leidenschaft alle Beteiligten am Werk waren: «Der gelieferte Stoff hatte Mängel», erzählt Jasmin Grego. «Und so plissierte das Team von Schneider & Schneider für ein Trompe-l’œil mühevoll Papier für die Rückwand, um über die Lücke bis zur neuen Lieferung hinwegzutäuschen.» 

Die grossen, anthrazitfarbenen Leuchten über der vorderen Sitzreihe nehmen mit den steifen Falten das Wellenmotiv des Baldachins auf, schwarze Spots an Stromschienen bringen gerichtetes Licht auf die Tische. 

Zusammen stärker

Der Erweiterungsbau für das Restaurant Brücke mag die kleinste gemeinsame Arbeit von Grego und Schneider & Schneider Architekten sein. Ihre Vielschichtigkeit und die Liebe zum Detail machen sie jedoch zu einem so wichtigen wie intensiven Projekt: «Wir verstehen Architektur und Innenarchitektur als eine gestalterische Einheit », sagt Jasmin Grego. «Die Zusammenarbeit zwischen Architektur und Architektur von innen hat die Kraft, mehr als 100 % Wirkung zu entfalten.» 

Erweiterung Restaurant Brücke, Niedergösgen

 

Bauherrschaft
Restaurant Brücke – Sarah und Markus Gfeller, Niedergösgen


Architektur
Schneider & Schneider Architekten, Aarau


Innenarchitektur
Grego Jasmin Grego & Stephanie Kühnle Archi­tektur, Zürich


Bauleitung
Consensus Projektmanagement, Gränichen


Tragkonstruktion
Rolf Grimbichler, ­Bauingenieurbüro, Olten


Elektroplanung
Hefti. Hess. Martignoni., Aarau


Textildesign
Sonnhild Kestler, Zürich

Magazine

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